Von MICHAEL WURCHE
Die erste Etappe der Wahlen ist geschafft, aber erst im Februar wird man die endgültigen Ergebnisse bekommen, da dann die Resultate der letzten beiden Wahldistrikte vorliegen. Liberale Moslems und Christen sowie die vielen in Ägypten lebenden Expats waren von den Ergebnissen des ersten Wahldurchgangs zunächst schockiert, denn da sah es nach einer 70 %-igen Sieg der Islamisten aus: Moslembrüder 45 % und die extremen Salafisten 25 %.
Nach dem jetzt vorliegenden Zwischenergebnis der Parteilisten haben die beiden islamischen Gruppierungen zusammen „nur“ 47 % der Stimmen, aber die unabhängigen Kandidaten sind noch nicht alle ermittelt, da stehen noch etliche Stichwahlen aus. Wie erwartet waren die 1928 gegründeten Moslembrüder die erfolgreichste Partei. Obwohl auch ihre Ideologie in der Salafi-Schule wurzelt, haben die Anführer der Moslembrüder signalisiert, dass sie keinerlei Zusammenarbeit mit den Salafisten vorhaben.
Einige Analysten erwarten, dass die Moslembrüder eine Koalition mit sekulären Parteien suchen werden, schon um die Befürchtungen im Ausland und zu Hause zu besänftigen, was ihre Absichten für das Ägypten sind, in dem auch acht Millionen christliche Kopten leben. „Sie wollen nicht die Kopten, Frauen, Liberale und den Westen erschrecken,“ sagte Abdel-Rahim Ali, ein Kairoer Experte in Islamischen Gruppierungen. Die beiden islamischen Gruppierungen wollen auf keinen Fall zusammenarbeiten und auch keine Koalition bilden.
Die Salafisten-Partei stammt aus der „Daawa Al-Salafiya“ (Salafi-Ruf), einer Bewegung, die ursprünglich nur das Beten förderte. Zunächst wollte sie keine Politik machen und nur ihre puristische Interpretation des Islam verbreiten. Analysten glauben, dass die Bewegung im 85-Millionen-Land Ägypten drei Millionen Anhänger hat und 4.000 Moscheen im ganzen Land kontrolliert, von den insgesamt 108.000 Moscheen und kleineren Betstätten. Salafisten folgen einer puristischen Schule des Islams, die in den 1970-igern von Studenten wiederbelebt wurde, vom saudiarabischen Wahabismus des 19. Jahrhunderts inspiriert.
Das Erstarken der ehrgeizigen Salafisten ist eine der bemerkenswertesten Folge des Mubarak-Sturzes. Mubarak wurde Präsident, als Anhänger der Salafisten-Schule 1981 seinen Vorgänger Anwar Sadat erschossen. Seitdem wurden die Salafisten vom Staat unterdrückt und verfolgt.
Was wollen die bärtigen Salafisten überhaupt? Ihre wesentlichsten Forderungen sind neben den drastischen Strafen der Scharia wie u. a. Steinigung bei Ehebruch und Handabhacken bei Dieben:
- Frauen sollen zu Hause bleiben und nicht in Berufen arbeiten.
- Wenn Frauen dennoch arbeiten: Trennung von Männern und Frauen bei der Arbeit
- Die Verschleierung von Frauen in der Öffentlichkeit
- Keine öffentliche Zurschaustellung von Zuneigung und Zärtlichkeit, also nicht einmal Händchenhalten geschweige den Schmusen und Küssen
- Keinerlei Produktion und Verkauf von Alkohol
- Ausschluss von Frauen und von Christen von Leitungspositionen
- Verbot von un-islamischer Kunst und Literatur
- Keine gemischten öffentlichen Bäder. Getrennte Strände für Männer und Frauen.
Die Einführung all dieser Beschränkungen würde den Tourismus ruinieren, von dem jeder achte Ägypter lebt. Abu Ismail, der Präsidentschaftskandidat der Salafisten, wehrte jedoch Befürchtungen besorgter Fernsehzuschauer ab, die während seines kürzlichen Fernsehinterviews mit Fragen anriefen. Er sagte, dass die Freiheiten dem Islam heilig sei und betonte, dass die islamischen Gesetze die Rechte der Christen unter muslimischer Herrschaft garantieren. Und er zeigte einen Anflug von Pragmatismus, der den Zuschauern versichern sollte, dass ein drastischer Wechsel nicht sofort kommen werde. „Einige Dinge werden nicht innerhalb der nächsten zehn oder 20 Jahre eingeführt werden.“
Viele Ägypter ändern ihre Einstellung zum Militär in diesen Tagen und wechseln von der Ablehnung einer Militärherschaft zur Hoffnung, dass das Militär wie jahrelang in der Türkei eine Islamisierung des Landes verhindern und eine Trennung von Islam und Staat sicherstellen wird.















