Ägyptens zweite Revolution

Mein Kommentar zur Entwicklung in Ägypten für die WELT KOMPAKT (Auszug)

Nach Jahrzehnten schwindet langsam aber stetig der Einfluss des Militärs. Dessen Präsidentschaftskandidat, ein Ex-Minister unter Mubarak, konnte sich nicht durchsetzen. Und: Das neue Staatsoberhaupt Mohammed Mursi ist keine Marionette der Generäle. Ganz im Gegenteil – obwohl das Militär das Parlament wegen vom Verfassungsgericht monierten Ungereimtheiten auflöste, setzte er es – vorerst – wieder ein.

Nun kommt es zur direkten Machtprobe zwischen dem neuen, zivilen Präsidenten und dem Militärrat. Das politische Armdrücken hat Mursi in der ersten Runde gewonnen. Das Parlament konnte ohne Einschreiten des Militärs zusammenkommen.

Nachdem das Volk gegen den Präsidenten gekämpft hat, kämpft nun der Präsident gegen das Militär.

Den gesamten Kommentar gibt’s heute in der WELT KOMPAKT und bei WELT ONLINE

Published in: on 11. Juli 2012 at 20:25  Schreibe einen Kommentar  

Erfolge der Islamisten bei den ägyptischen Wahlen

Von MICHAEL WURCHE

Die erste Etappe der Wahlen ist geschafft, aber erst im Februar wird man die endgültigen Ergebnisse bekommen, da dann die Resultate der letzten beiden Wahldistrikte vorliegen. Liberale Moslems und Christen sowie die vielen in Ägypten lebenden Expats waren von den Ergebnissen des ersten Wahldurchgangs zunächst schockiert, denn da sah es nach einer 70 %-igen Sieg der Islamisten aus: Moslembrüder 45 % und die extremen Salafisten 25 %.

Nach dem jetzt vorliegenden Zwischenergebnis der Parteilisten haben die beiden islamischen Gruppierungen zusammen „nur“ 47 % der Stimmen, aber die unabhängigen Kandidaten sind noch nicht alle ermittelt, da stehen noch etliche Stichwahlen aus. Wie erwartet waren die 1928 gegründeten Moslembrüder die erfolgreichste Partei. Obwohl auch ihre Ideologie in der Salafi-Schule wurzelt, haben die Anführer der Moslembrüder signalisiert, dass sie keinerlei Zusammenarbeit mit den Salafisten vorhaben.

Einige Analysten erwarten, dass die Moslembrüder eine Koalition mit sekulären Parteien suchen werden, schon um die Befürchtungen im Ausland und zu Hause zu besänftigen, was ihre Absichten für das Ägypten sind, in dem auch acht Millionen christliche Kopten leben. „Sie wollen nicht die Kopten, Frauen, Liberale und den Westen erschrecken,“ sagte Abdel-Rahim Ali, ein Kairoer Experte in Islamischen Gruppierungen. Die beiden islamischen Gruppierungen wollen auf keinen Fall zusammenarbeiten und auch keine Koalition bilden.

Die Salafisten-Partei stammt aus der „Daawa Al-Salafiya“ (Salafi-Ruf), einer Bewegung, die ursprünglich nur das Beten förderte. Zunächst wollte sie keine Politik machen und nur ihre puristische Interpretation des Islam verbreiten. Analysten glauben, dass die Bewegung im 85-Millionen-Land Ägypten drei Millionen Anhänger hat und 4.000 Moscheen im ganzen Land kontrolliert, von den insgesamt 108.000 Moscheen und kleineren Betstätten. Salafisten folgen einer puristischen Schule des Islams, die in den 1970-igern von Studenten wiederbelebt wurde, vom saudiarabischen Wahabismus des 19. Jahrhunderts inspiriert.

Das Erstarken der ehrgeizigen Salafisten ist eine der bemerkenswertesten Folge des Mubarak-Sturzes. Mubarak wurde Präsident, als Anhänger der Salafisten-Schule 1981 seinen Vorgänger Anwar Sadat erschossen. Seitdem wurden die Salafisten vom Staat unterdrückt und verfolgt.

Was wollen die bärtigen Salafisten überhaupt? Ihre wesentlichsten Forderungen sind neben den drastischen Strafen der Scharia wie u. a. Steinigung bei Ehebruch und Handabhacken bei Dieben:

  • Frauen sollen zu Hause bleiben und nicht in Berufen arbeiten.
  • Wenn Frauen dennoch arbeiten: Trennung von Männern und Frauen bei der Arbeit
  • Die Verschleierung von Frauen in der Öffentlichkeit
  • Keine öffentliche Zurschaustellung von Zuneigung und Zärtlichkeit, also nicht einmal Händchenhalten geschweige den Schmusen und Küssen
  • Keinerlei Produktion und Verkauf von Alkohol
  • Ausschluss von Frauen und von Christen von Leitungspositionen
  • Verbot von un-islamischer Kunst und Literatur
  • Keine gemischten öffentlichen Bäder. Getrennte Strände für Männer und Frauen.

Die Einführung all dieser Beschränkungen würde den Tourismus ruinieren, von dem jeder achte Ägypter lebt. Abu Ismail, der Präsidentschaftskandidat der Salafisten, wehrte jedoch Befürchtungen besorgter Fernsehzuschauer ab, die während seines kürzlichen Fernsehinterviews mit Fragen anriefen. Er sagte, dass die Freiheiten dem Islam heilig sei und betonte, dass die islamischen Gesetze die Rechte der Christen unter muslimischer Herrschaft garantieren. Und er zeigte einen Anflug von Pragmatismus, der den Zuschauern versichern sollte, dass ein drastischer Wechsel nicht sofort kommen werde. „Einige Dinge werden nicht innerhalb der nächsten zehn oder 20 Jahre eingeführt werden.“

Viele Ägypter ändern ihre Einstellung zum Militär in diesen Tagen und wechseln von der Ablehnung einer Militärherschaft zur Hoffnung, dass das Militär wie jahrelang in der Türkei eine Islamisierung des Landes verhindern und eine Trennung von Islam und Staat sicherstellen wird.

Published in: on 11. Dezember 2011 at 11:49  Schreibe einen Kommentar  

Tahrir oder Abbaseya?

Bei der Sicherheitskontrolle am Flughafen wurde mein Kontaktmann Michael Wurche von Polizisten gefragt: „Tahrir oder Abbaseya?“ und ziehen auf die Antwort „Tahrir“ ein Gesicht, lachen dann und lassen ihn ziehen. Das scheint nach der Demo der Militärunterstützer im Stadtteil Abbaseya die gängige Frage zu sein, wofür man ist – Zivilregierung oder Militär.

Die „Egypt Daily News“ berichten derweil über die „Unbekannten Helden auf dem Motorrad“:

Mehrere provisorische Hospitäler und Apotheken versorgen die Hunderten von Verletzten der Kämpfe mit der Polizei auf und beim Tahrir Platz seit dem vergangenen Sonntag. Freiwillige Ärzte, Krankenschwestern, Medizinstudenten und Apotheker arbeiten Tag und Nacht in Moscheen und Kirchen, aber auch in improvisierten Zelten auf dem Bürgersteig. Sie nähen blutende Wunden, spülen vom Tränengas entzündete Augen und operieren ernstere Verletzungen und Brüche. Während diese Helfer Leben retten, holen junge Männer mit ihren Mopeds und Motorrädern die Verletzten aus dem Getümmel.

Chirurgin Dr. Omaima Akkad, Leiterin des Feldhospitals Ecke Talaat Harb und Tahrir-Straße sagte der Zeitung: „Diese Motorräder sind unser Ambulanzen. Der Platz ist überfüllt, und Krankenwagen können nicht zur Mohamed-Mahmoud-Straße vordringen, wo es die meisten Verletzten gibt. Die jungen Männer fahren durch Tränengasschwaden in die vorderste Front, um die Verletzten zu bergen und uns zu bringen.“

Die Motorräder bringen Hundere Verletzte heraus, am Sonntag im Schnitt alle 20 Sekunden einen Blutenden, zwischen den Fahrer und einen Helfer auf dem Rücksitz geklemmt, der den oft bewußtlosen Verletzten hält und stützt. Anfangs hatte die Fahrer nicht einmal Motorradbrillen oder Gasmasken und kamen halbblind erst nach Stürzen in der Klinik zum Halten. Dann wurden die Transporte besser organisiert, die Straße zum Hospital geräumt und die Zufahrt erst mit untergehakten Demonstranten, dann mit Seilen abgesperrt. Man gab den Fahrern Schutzbrillen oder Gasmasken.

Einer der furchtlosen Fahrer, Mohamed Sayed, kommentierte am Donnerstag: „Ich bin hier seit Sonntag und fahre Leute von der Mohamed-Mahmoud-Straße in die Kliniken. Wie könnte ich heimfahren, wenn ich gebraucht werde?“ Dr. Akkad wollte ihre Klinik näher an die Mohamed-Mahmoud-Straße verlegen, aber das ließen die Motorradfahrer nicht zu: „Die Ärzte müssen ausser Gefahr bleiben, wir können ins Geschehen fahren. Ägypten braucht gebildete und ausgebildete Menschen, um uns in die Zukunft zu führen, nicht einfache Leute wie uns.“

Published in: on 28. November 2011 at 13:45  Schreibe einen Kommentar  

Das Augenpflaster der Löwen

Da ich derzeit selbst nicht mehr in Ägypten vor Ort sein kann und ich trotzdem über die Entwicklung im Land am Nil berichten möchte, stelle ich nun auch Berichte meiner Kontakte vor Ort online. Diese Augenzeugenberichte finden sich unter der Kategorie Korrespondentenberichte. Vielen Dank an alle, die vor Ort die Lage beobachten!

Ausschnitt aus einem Zeitungsartikel mit dem Foto des Löwen an der Brücke

Von MICHAEL WURCHE

Das tägliche Leben scheint in den meisten Stadtteilen normal, es herrscht das übliche Verkehrschaos, die Menschen arbeiten und kaufen ein wie immer. Aber die Demonstrationen auf dem Tahrir Platz gehen unvermindert weiter.

Viele der Demonstranten gegen das Militärregime tragen in diesen Tagen u.a. Augenverletzungen davon. Neben agressivem Tränengas, das Atembeschwerden bis hin zu Erstickungsanfällen verursacht, verwenden Polizei und Militär Gummigeschosse und Schrotschüsse, so genannten birdshot. Einem Demonstranten, der am 25. Januar bei den Demonstrationen gegen Mubarak ein Auge verlor, wurde nun auch das andere Auge zerstört. Auf Youtube wird gezeigt, wie ein Polizist stolz seinen Kameraden verkündet, er habe einem Mann eben genau ins Auge geschossen. Auf die Ergreifung dieses Polizisten setzten wütende Bürger 5.000 ägyptische Pfund Belohnung, ca. 600 EUR. Einer der vier Löwen, die je zu zweit an beiden Enden der Brücke Kasr El Nil nicht weit vom Tahrir Platz stehen, trägt ein symbolisches dickes Pflaster auf einem Auge.

Verletzte weigern sich, ins Krankenhaus zu gehen, da sie dort nach der Behandlung verhaftet und verhört werden können. In der Moschee und einer nahegelegenen koptischen Kirche sind Behelfs-Notstationen mit freiwilligen Ärzten eingerichtet worden; dort werden Medikamenten- und Verbandsspenden angeliefert.

Kairoer Facebook-Eintrag vom 23. November 2011:

“Zamalek residents: tomorrow at 12, there will be an ambulance for blood donations in front of Beano’s Café Zamalek.”

Unter die friedlichen Demonstranten haben sich zweifelsohne gewalttätige Banden gemischt, die die Lage absichtlich eskalieren wollen. Es ist klar, dass die alte Mubarak-Clique und das Militär keine Ruhe einkehren lassen wollen. Sie hoffen, das Chaos führt zu Rufen nach der starken Hand des alten Regimes, und für ein paar ägyptische Pfund finden sich genügend Gewaltbereite, wie im Januar die Reiter auf Pferden und Kamelen, die damals in die Demonstranten ritten und prügelten.

Die Anwohner der Straßen um den Tahrir Platz sind mehr als genervt von dem tagelangen Aufruhr, den Schüssen, dem Lärm und den Tränengasschwaden, die auch in ihre Wohnungen ziehen. Sie kommen nur mit Mühe und unter Gefahr aus den Häusern und zurück, und einige werfen wütend Gegenstände und Steine auf die Demonstrierenden.

Die Büros von Emeco Travel neben dem Tahrir Platz sind wie alle Geschäfte in dieser Gegend geschlossen; Emeco richtete einen Notdienst für Kunden im Zweigbüro im ruhigen Stadtteil Heliopolis und Telefon-Serviceleitungen ein. Deutsche Freunde, die Anfang Januar nach Luxor wollten, sagten ihren Besuch ab.

Der lukrative Kulturtourismus ist völlig zum Erliegen gekommen, nur am Roten Meer gibt es etwas Badetourismus. Die Lufthansa stellte von zwei täglichen Großraumflugzeugen auf einen kleinen A 321 am Tag um, in der europäischen Version ohne Erste Klasse und ohne separate Business Class. Die ersten Ausländer verlassen wie im Januar das Land, zunächst Familienanghörige, wenn viele Männer auch noch abwarten und weiterarbeiten.

Viele Ägyper hoffen, dass es nach den Wahlen ab nächster Woche ruhig wird, inshalla. Ich bezweifle jedoch, dass in den nächsten Wochen und Monaten Ruhe einkehren wird. Die Not, die Verzweiflung der Armen und die Kriminalität steigen an.

Published in: on 24. November 2011 at 14:51  Schreibe einen Kommentar  

Reportage: Die Revolution – und was von ihr bleibt

Es ist laut in Kairo. Die vielen Autos hupen sich den Weg durch den dichten Verkehr frei. Die Straßen sind staubig. Es ist auch der Staub der Revolution. Der Smog lässt die Sonne diesig scheinen. Hier, am und um den Tahrir Square, demonstrierten wenige Monate zuvor Hundertausende gegen die Regierung unter Husni Mubarak (83). Dessen Parteigebäude ist abgebrannt, inzwischen ist er zurückgetreten. Doch die ägyptische Revolution hat ihre Spuren hinterlassen. Auch im chaotischen Verkehr von Kairo. Auf der Heckscheibe vieler der verbeulten Wagen klebt ein Sticker mit der Aufschrift „January 25“. Es ist der Tag des Zorns, der Tag, an dem die Proteste begannen.

Manch einer sieht im Verkehr von Kairo ein Spiegelbild der ägyptischen Gesellschaft. „Hier gibt es viel Flexibilität und wenig Disziplin“, sagt der Deutsche Michael Wurche (68). „Wenn es Regeln gibt, dann ist es normal, dass diese nicht eingehalten werden.“ Ulrich Link (53) ist Chef der Lufthansa-Repräsentanz in Ägypten, lebt seit einem Jahr dort. „Den Ägyptern fehlt es manchmal etwas an Bürgersinn“, stellt er fest. „Sie setzen vor allem ihre eigenen Interessen durch – Hupe drauf und los.“

Für den Europäer mag im Straßenverkehr der Eindruck von chaotischen Verhältnissen entstehen. Doch für den Einheimischen ist das trotz Blechbeulen ein rücksichtsvolles Miteinander und das Hupen eine landestypische Art der Kommunikation.

Vier Monate nach dem Rücktritt Mubaraks ist Ägypten noch lange nicht in der Demokratie angekommen. „Viele missverstehen, was Demokratie bedeutet“, sagt Link. Sie bestehe nicht nur aus Rechten, sondern auch aus Pflichten. „Seit 5000 Jahren regieren hier Pharaonen, Griechen, Besatzer, Könige, Nasser, Sadat, Mubarak. Jetzt erst hat das Volk etwas zu sagen.“

Die Holzfiguren, Malereien und Fotos in der Wohnung von Michael Wurche sind stille Zeugen von vielen Stationen auf der ganzen Welt. Seit sieben Jahren lebt er aber in Kairo. Die Revolution hat das Land verändert. „Es bleibt mehr Not, mehr Armut, mehr Arbeitslosigkeit, denn die Tourismuseinnahmen fehlen, viele Hotels sind geschlossen, Firmen haben ihre Mitarbeiter in den Urlaub geschickt oder entlassen.“ Ägypten leidet merklich unter dem Zusammenbruch des Tourismus nach den Straßenprotesten. Mubarak ist weg, doch mit ihm verschwand  auch der Gästestrom aus dem Westen und Russland. Aus Angst.

Trotz der schwächelnden Wirtschaft sieht der überwiegende Teil des Landes den Umsturz als Erfolg. „Die Regierung, welche auch immer, kann nicht mehr machen, was sie will. Das ist neu“, stellt Wurche fest. Die Pyramiden am Stadtrand erinnern als Mahnmale aus Kalkstein an glanzvolle Zeiten. Die Ägypter sind ein stolzes Volk, das zwar zu altem Ruhm zurück möchte, von Alleinherrschern nun aber genug hat.

In den südlichen Stadtteil Helwan fahren die meisten Ägypter mit dem Bus, die sonst günstigen Taxis können sich die Leute hier nicht leisten. Die Sonne ist bereits untergegangen, aber die Straße ist voller Leben. Kleine Lagerfeuer brennen, junge Ägypter werkeln an ihren Autos, Männer rauchen Wasserpfeife, Kinder spielen auf der Straße. In Cafés dudeln alte Fernseher. Fußball. Denn heute spielt Ägypten gegen Südafrika. Der junge Ägypter Ali (21) lebt hier mit seinen vier Geschwistern und seiner Mutter. Die Wände sind grün gestrichen, an der Decke wackelt der Ventilator. Ali ist arbeitslos, er hat gesehen, wie hart das Regime gegen Demonstranten vorging. Doch wenn er über seine Situation spricht, sagt er immer wieder: „Nach Mubarak wird alles gut. Jetzt hoffe ich, dass die Touristen wieder zurückkehren.“ Die Freude über den Umsturz ist größer als die entstandene Not. Die Ägypter sehen nach vorn. Ihnen ist klar: Bei richtigen Reformen können sie den Tourismus für den eigenen Wohlstand nutzen.

 

Diese Reportage ist vor einigen Monaten für eine Bewerbung an einer Journalistenschule angefertigt worden. Zur Recherchezwecken bin ich im Juni 2011 nach Ägypten gereist. Ich weise an dieser Stelle noch einmal darauf hin, dass eine weitere Veröffentlichung genehmigungspflichtig ist. Ich freue mich über Feedback.

Published in: on 22. November 2011 at 16:11  Comments (4)  

Fazit: Eine ägyptische Angelegenheit

Die Revolution ist eine ägyptische Angelegenheit. Anders als in Libyen hat das Volk Mubarak selbst zum Sturz gebracht. Ein Prozess, der viel Mut erfordert und Anerkennung erntet.

Ungefähr vier Monate nach dem Aufstand aus dem Volk ist halbwegs Normalität eingekehrt. Die Leute gehen zur Arbeit, das Leben in Kairo ist wie gewohnt hektisch. Selbst die Polizisten, die zeitweise von der Bildfläche verschwanden, sind wieder da. Doch einiges ist neu: Die Leute sind freier, viele sind glücklicher, sagen das frei heraus, wenn man sie auf die Zeit nach Mubarak anspricht. Die Menschen haben keine Angst mehr vor der als korrupt geltenden Polizei, es ist eher andersherum. Die Touristen kehren erst zögerlich wieder zurück.

Als ich mir das Ägyptische Museum in Kairo ansehe, bin ich fast ganz allein da. Das ist natürlich für den einzelnen Touristen ein Traum. Ich habe genug Zeit, mir die Totenmaske des Tutanchamun dreimal von allen Seiten anzugucken. Allerdings ist durchaus zu spüren, wie tief die Revolution die Wirtschaft Ägyptens heruntergerissen hat. Es ist schließlich ein Land, das vor allem vom Tourismus lebt. Die Leute haben Angst, unberechtigterweise, wie ich erfahren konnte. Im Gespräch mit einem Souvenirhändler sagt der Vater zu mir die erschütternden Worte: „Bisher habe ich nichts gutes an der Revolution feststellen können.“ – Nur noch selten kaufen Touristen bei ihm ein.

Ägypten ist genauso sicher, wie zu vor. Es ist die beste Zeit, das Land am Nil zu besuchen. Die Ägypter sind außerordentlich gastfreundlich. Sie wissen, wie wichtig Touristen sind, sie wissen den Besuch zu schätzen. Sie sind ein stolzes Volk, ein Volk, das gern wieder zu altem Glanz zurückkehren möchte. Wenn du sie bittest, zeigen sie dir die schönsten Ecken ihrer Stadt oder ihres Landes.

Die Revolution ist eine ägyptische Angelegenheit. Noch heute gehen die Leute auf die Straße, stehen mahnend mit ihren Plakaten dort und fordern die Übergangsregierung zu Reformen auf. Es wird nie wieder sein, wie früher. Sie passen auf, dass die Revolution nicht versandet. Die Menschen wissen, was sie wollen, was ihr Land für sie tun kann. Sie haben keine Angst mehr, sie haben Mut, die Zukunft zu gestalten. Und das ist auch gut so. Ausländer können davon völlig unbehelligt das Land entdecken, es ist schließlich nur eine interne Angelegenheit.

Published in: on 10. Juni 2011 at 11:30  Schreibe einen Kommentar  

Die christliche Minderheit Ägyptens

Der schwere Duft von Weihrauch liegt in der Luft. Der große Kirchenraum mit den hölzernen und aufwändig verzierten Wänden ist ganz vernebelt. Nach und nach füllt sich das Gotteshaus. Frauen küssen sich zu Begrüßung, als hätten sie eine gute Freundin lange nicht mehr gesehen. Die koptische Virgin Mary Church liegt im ruhigen Viertel Zamalek in Kairo. Dennoch sind überall in der Straße Polizisten postiert. Nur wenige Wochen zuvor wurde in Kairo eine koptische Kirche von Islamisten niedergebrannt.

Es ist Sonntag, der Feiertag der Christen. Auch wenn Ägypten ein überwiegend islamisches Land ist, leben immerhin rund 15 Millionen Kopten dort – eine besonders alte christliche Konfession. Sie lebten schon in Ägypten, als von Moslems dort noch gar keine Rede war.

Die Priester setzen mit liturgischen Gesängen ein. Noch während der Messe kommen weitere Gemeindemitglieder in die Kirche. Sie sitzen streng nach Geschlechtern getrennt, auf der rechten Seite die Frauen, auf der linken die Männer. Ein Großteil des Gottesdienstes besteht aus Gesängen. Immer wieder geht ein weißbärtiger Priester – er trägt eine ebenso weiße Kutte – durch die Gänge, schwängt das Weihrauchgefäß. Knapp zwei Stunden dauert die Prozedur, immer sonntags um 7 und 9 Uhr. Dann zieht die Gemeinde zum Ausgang, einer der Priester verabschiedet sich persönlich von allen.

Ich spreche einen Priester an. Doch Father Youssef winkt ab, es ist Sonntag, ich solle morgen wieder kommen. Wir verabreden uns also für Montag, 10 Uhr.

Es ist schon sehr warm an diesem Morgen. Ich laufe die Straße entlang an den Polizeiposten vorbei. Father Youssef sieht mich schon durchs Fenster aus seinem kleinen Büro. Er sitzt an seinem Holzschreibtisch, vor ihm liegen Papierstapel, eine Zeitung von heute, kein Computer, nur ein Telefon. An seinem Zettelblock hat er Fotos seiner zwei Söhne geheftet. Er trägt einen grau-weißen Bart und ein dunkles Gewand. Ich überlege, ob ich ihm so, wie alle anderen auch, die Hände küssen sollte, stattdessen gebe ich ihm nur die Hand. Er erzählt mir, dass es ungefähr 15 Millionen Kopten bei 83 Millionen Einwohnern gibt. Die Regierung sprach bisher nur von sechs Prozent. Father Youssef sagt, die guten Jobs in Verwaltung und in den Universitäten bekommen nur Moslems. Ich frage ihn, wie das sein kann. Er holt seinen Ausweis raus. Dort ist tatsächlich die Religionszugehörigkeit vermerkt.

Ich frage ihn, wie es nun weitergehen soll, mit der Koptischen Kirche in Ägypten. Seit dem Sturz Mubaraks haben die Salafisten, extremistische Islamisten, Anschläge auf Kopten verübt, zuletzt am 8. Mai. Mubarak hat die Moslembruderschaft verboten, die derzeit eine der am besten organisiertesten Parteien ist. Laut Father Youssef gehören zu einem Umsturz auch Unruhen.  

Doch Father Youssef ist guter Dinge. Er und seine Glaubensbrüder setzen sich dafür ein, die Religionszugehörigkeit wieder aus den Pässen streichen zu lassen. „Was das Zwischenmenschliche angeht, ist alles in Ordnung. Die offiziellen Probleme versuchen wir, zu lösen.“ Und er erzählt mir die Geschichte, wie er neulich auf an einer steilen Treppe stand und mit seinen 85 Jahren befürchtete, zu stürzen. Das sah ein junges Mädchen. Sie war Muslima, das erkannte er an ihrem Kopftuch. Sie stütze ihn. „Ich habe mich bedankt, dass sie mir geholfen hat. Ich kannte nicht mal ihren Namen.“

Published in: on 8. Juni 2011 at 16:53  Schreibe einen Kommentar  

Zu Besuch bei einer ägyptischen Familie

Eine halbe Stunde dauert die Fahrt nun schon. Es ist Sonntag, wir sitzen eng in einem der blau-weißen Mini-Busse. Wem die staatlichen Omnibusse unangenehm und Taxis zu teuer sind, der nutzt diese „Metro Busse“. Man winkt sie heran, sucht sich einen Platz und reicht ein paar Pfund mit dem Fahrtziel nach vorn. Ich sitze neben Ali ganz vorn beim Fahrer. In Helwan (Süd-Kairo) steigen wir aus. Hierher verirren sich keine Touristen.

Die Sonne ist schon untergegangen, aber die Straße ist voller Leben. Kleine Feuer brennen, junge Ägypter werkeln an ihren Autos, Männer rauchen Shisha, Kinder spielen auf der Straße. In einer Holzwerkstatt wird noch gearbeitet. Hier und da sieht man Fernseher laufen. Fußball. Denn heute spielt Ägypten gegen Süd-Afrika. Es geht um alles, wird mir gesagt. Ich laufe weiter, biege in Seitenstraßen ein, immer neben Ali. Ich vertraue ihm. Allein würde ich hier nicht mehr herausfinden.

Ali hat mich zu seiner Familie eingeladen. Ich soll seine Geschwister kennen lernen, mich von seiner Mutter bekochen lassen. Normalerweise darf das kein Tourist, aber ich bin ein guter Freund. Sein „best friend from Germany“. Der Besuch einer ägyptischen Familie ist der Höhepunkt bei meinem Blick hinter die Kulissen dieses Landes.

Ich hoffe, nichts falsch zu machen, nichts Falsches zu sagen. Aber alle sind ganz freundlich. Ich werde Alis Großeltern vorgestellt, gebe die Hand, sage artig „As-Salamu Alaikum“ und nicke dabei den Kopf. Ali pfeift laut, auf dem Balkon steht seine kleine Schwester. Er kündigt meinen Besuch an. Dann laufen wir das Treppenhaus hoch, der Eingang ist in einer kleinen Seitengasse. Es ist dunkel, das Licht im Treppenhaus geht nicht.

Die Wohnung ist klein, die Wände mediterran grün. Alis Mutter steht im Flur, sie kocht gerade. Mit großen Augen sieht sie mich an. Ich begrüße sie wieder mit „As-Salamu Alaikum“. Sie spricht nur Arabisch. Das Zimmer von Ali ist karg, auf dem Balkon hängt Wäsche. Im TV läuft Fußball. Alis Geschwister sitzen im Zimmer, aber anscheindend werde ich langsam interessanter als das Spiel. Nach und nach kommt immer wieder jemand rein, den ich begrüße. Freunde, Nachbarn, Neffen, Onkel. Fast die ganze Familie wohnt in dem Haus.

Ägypter sind sehr gastfreundlich und stolz. Sobald ein Fremder zu Besuch ist, wird großzügig aufgetischt. Sei es ein Tee im Kleinen oder Essen für einen längeren Besuch. Kurz nach meiner Ankunft wird ein kleiner, runder Tisch, etwa 20 Zentimeter hoch, aufgebaut. Dann kommt das Essen: Gebratenes Hähnchen, Kebab, Fladenbrot, Gemüse, verschiedene Dips. Alles wird in kleinen Schälchen aufgetischt. Man sitzt auf dem Boden und isst mit den Händen. Ali, der mitisst, sagt, ich soll alles aufessen. Doch das schaffe ich einfach nicht, obwohl es unglaublich lecker ist. Ich weiß auch nicht, ob vor mir vielleicht der gesamte Wochenvorrat aufgetisch ist.

Währenddessen läuft Ägypten vs. Südafrika. Es endet mit Unentschieden, obwohl wir alle mitgefiebert haben. Danach bringen mich Ali und sein Bruder zur Haltestelle vom „Metro Bus“. Und damit ich auch wirklich sicher nach Hause komme, fahren wir zusammen bis nach Maadi, einem der besseren Stadtteile, wo ich in ein Taxi umsteige.

Der tolle Abend lässt mich sogar den Ärger über die unverschämten Händler in Gizeh vergessen. Dort bei den Pyramiden wird man als Tourist nur abgezockt. Ich habe Papyri gesehen, die ich für 20 Pfund gekauft habe, die in Gizeh für 800 angeboten wurden. Als ich Fotos von den Pyramiden machte, drängte sich ein alter Ägypter mit seinem Kamel auf, wollte Fotos machen. Das kostete mich 20 Euro, mit weniger oder mit Pfund hat er sich nicht zufrieden gegeben.

Was jedoch überall zu merken ist, ist, dass die Ägypter derzeit über jeden einzelnen Touristen erfreut sich und das „Maximum“ aus ihm herausholen wollen. Seit der Revolution ist der Besucherstrom nämlich dramatisch eingebrochen. Am gleichen Tag war ich auch im erschreckend leeren Ägyptischen Museum in Kairo.

Also Leute: Ägypten ist wieder sicher und derzeit vor allem einen Besuch wert, da man viele Sehenswürdigkeiten fast ganz allein für sich hat.

Published in: on 6. Juni 2011 at 23:51  Comments (1)  

Talking about a revolution

Diesen Song habe ich die ganze Zeit im Ohr, wenn ich durch die Straßen von Kairo gehe. Ehrlich.
Das Video zeigt eine sehr beeindruckende Live-Version des Liedes von Tracy Chapman. 

Don’t you know you’re talking about a revolution
It sounds like a whisper
Don’t you know they’re talking about a revolution
It sounds like a whisper

While they’re standing in the welfare lines
Crying at the doorsteps of those armies of salvation
Wasting time in unemployment lines
Sitting around waiting for a promotion

Don’t you know you’re talking about a revolution
It sounds like a whisper

Poor people are gonna rise up
And get their share
Poor people are gonna rise up
And take what’s theirs

Don’t you know you better run, run, run, run, run, run, run, run, run, run, run, run, run
Oh I said you better run, run, run, run, run, run, run, run, run, run, run, run, run

Finally the tables are starting to turn
Talking about a revolution
Finally the tables are starting to turn
Talking about a revolution oh no
Talking about a revolution oh no

While they’re standing in the welfare lines
Crying at the doorsteps of those armies of salvation
Wasting time in unemployment lines
Sitting around waiting for a promotion

Don’t you know you’re talking about a revolution
It sounds like a whisper

And finally the tables are starting to turn
Talking about a revolution
Finally the tables are starting to turn
Talking about a revolution oh no
Talking about a revolution oh no
Talking about a revolution oh no

Published in: on 6. Juni 2011 at 19:53  Schreibe einen Kommentar  

Die Augen der Revolution


Das ehemalige Gebäude von Mubaraks Regierungspartei NDP

Noch zwanzig Minuten bis 12 Uhr. Die dunkle Brille schützt mich vor der hellen Sonne. Ich stehe am Talat Harb Square, irgendwo in Downtown. Plötzlich fängt der junge Mann mit dem weißen Hemd neben mir an, laut auf Arabisch zu sprechen. Meint er mich? Ich erkläre ihm, dass ich nur Englisch spreche. Er entschuldigt sich, meint sich sehe aus wie ein Ägypter und bittet mich, die Sonnenbrille abzunehmen. Jetzt hat mich meine Augenfarbe verraten.

Ich warte auf einen Fotografen. Er ist Amerikaner, lebt allerdings in Kairo und hat die Zeit der Proteste auf vielen tausend Bildern festhalten. Wir haben uns für 12 Uhr verabredet. Während ich also warte, erklärt mir Ahmed, der junge Mann mit dem weißen Hemd, dass er hier Jura studiert. Außerdem heiratet seine Schwester heute und ich bin herzlich eingeladen. So eine Hochzeit mit 600 Gästen mitzumachen ist ganz sicher ein Erlebnis. Allerdings sollte man die Freundlichkeit von Ägyptern, die einen Papyrus- oder Öl-Shop besitzen, nicht überbewerten. In solch einen Laden hat er mich wenige Minuten später nämlich gezerrt.

Um 12 Uhr stehe ich wieder am verabredeten Ort – dort wartet David bereits auf mich. Wir laufen quer über die Straße zwischen die ganzen Autos hindurch in einen Seitengasse. Dort sitzen auf spartanischen Holzstühlen Männer, trinken Tee und rauchen Wasserpfeife. Wir suchen uns ein paar leere Plätze, bestellen Lemon Water mit Eis und dann diskutieren wir über die Revolution, ob sie überhaupt eine ist, wie das alles weiter geht. David berichtet von den Tagen Ende Januar. Einer seiner einprägsamsten Sätze war: „Manchmal war ich gar nicht mehr auf die Story fokussiert, sondern darauf, dass ich selbst überlebe.“

 

Den Kontakt zu David habe ich übers Internet bekommen. Ich habe nämlich mein Ladegerät für meine Canon 400D in der Redaktion vergessen (Gruß an dieser Stelle an die Kollegen) und suchte nun nach einem Canon Shop irgendwo in Kairo. So kam ich zu Davids Website und fragte ihn per SMS, ob wir uns nicht treffen wollen. David zeigt mir nach unserem Gespräch noch ein paar coole Ecken Downtowns, einen Fotoladen, in dem ich mein Ladegerät bekam und endlich den legendären Tahrir Square. Der Ort, an dem der Umsturz seinen Lauf nahm.

Als wir uns verabschieden ziehe ich noch ein bisschen durch die Gegend. Plötzlich spricht mich jemand auf der Straße an, ich sehe nicht hin und gehe einfach weiter. Ich möchte nämlich keine T-Shirts kaufen und auch kein Geld spenden (mein letztes Kleingeld gab ich nämlich schon einer Horde Bengels in die fordernden Hände gelegt). Der Typ rennt mir hinterher. Es ist Ali, der junge Ägypter, der in Spanien studierte und über den ich gestern schon kurz geschrieben habe.

Zufall. Weil wir beide Zeit haben, zeigt er mir den Laden von Yamal. Ich trinke Tee, lasse mir ein paar Papyri aufschwatzen. Die sind günstig. Nicht, weil Ali mir das sagt, sondern weil ich das selbst einschätzen kann. Der Einkauf dort ist der Deal, dass mir Ali das einheimische Kairo zeigt. Mich interessieren nämlich nicht die Touri-Ecken. Mich interessiert das echte Leben, die ungeschönte Realität. Und das führt uns in ein Restaurant, in dem ich definitiv der einzige Westler bin. Wir essen Kuschari, eine typisch ägyptische Mahlzeit. Das muss man sich als Mix aus Nudeln, Kichererbsen und Linsen vorstellen, der mit einer Art Salsa-Sauce vermischt wird.

Danach geht’s mit einer Feluke auf den Nil, Ali dealt den Preis (90 Pfund für eine halbe Stunde) und gibt mir später seine Provision zurück. Wir rauchen Zigaretten, machen Fotos. Er ist erst 21, erzählt über seine Familie, die Revolution. Er zeigt mir den Tahrir Square. Ich lade ihn zu einem Drink in eine Seitengasse ein. Ali hasst die Hitze, erzählt bei einer Pepsi, wie er die Januar-Tage erlebt hat, dass er sich als Familienoberhaupt nun um seine drei jüngeren Brüder und seine Schwester kümmern muss. Sein Vater ist tot. Alis Traum ist ein Leben in Spanien oder ein kleiner Souvenirladen in Deutschland. Morgen will er mir seine Familie zeigen. Ich mag ihn. Er sagt mir ständig, ich wäre sein Freund. Und irgendwie glaube ich das auch.


Ali auf dem Tahrir Square

Published in: on 4. Juni 2011 at 23:41  Comments (1)